Mythos 5

MYTHOS 6

Die „Atom­ka­ta­stro­phe“ von Fu­kus­hi­ma ge­bie­tet dras­ti­sche und schnel­le Maß­nah­men. Wer sich kri­tisch zur „En­er­gie­wen­de“ äu­ßert, ist Zy­ni­ker oder Ewig­gest­ri­ger.

 

Fakt > Bei aller Dra­ma­tik und mensch­li­chen Tra­gö­die im Zu­sam­men­hang mit Fu­kus­hi­ma – die Er­eig­nis­se ent­bin­den uns nicht von der Pflicht zum kri­tisch-ra­tio­na­len Den­ken. Kern­kraft ist keine lang­fris­tig trag­fä­hi­ge Lö­sung. Aber „die“ Lö­sung schlecht­hin gibt es noch nicht – Wind­ener­gie, PV und Bio­mas­se sind bis­lang nur Schein­lö­sun­gen. Die ex­tre­me För­de­rung die­ser Schein­lö­sun­gen ab­sor­biert die Res­sour­cen, die an an­de­rer Stel­le drin­gend be­nö­tigt wer­den: in der En­er­gie­for­schung. Gleich­zei­tig kap­selt sich Deutsch­land en­er­gie­po­li­tisch von den eu­ro­päi­schen Nach­barn ab – ob­wohl die im­men­se Her­aus­for­de­rung des öko­lo­gi­schen Um­baus der En­er­gie­ver­sor­gung nur eu­ro­pä­isch ge­stemmt wer­den kann.  Der Weg weg von der Atom­kraft ist grund­sätz­lich rich­tig – die Eile und Hek­tik, mit der er ein­ge­schla­gen wurde, sind un­ver­nünf­tig. Angst ist ein schlech­ter Rat­ge­ber.

Warum?


Die Flut­ka­ta­stro­phe in Japan vom 11. März 2012 brach­te gro­ßes Leid über den In­sel­staat. Ein Erd­be­ben der Stär­ke neun und ein Tsu­na­mi mit bis zu 40 Meter hohen Wel­len brach­te eine Ka­ta­stro­phe apo­ka­lyp­ti­schen Aus­ma­ßes. Un­ge­fähr 16.000 Men­schen kamen ums Leben, hun­dert­tau­sen­de wur­den ob­dach­los.

Im Zuge der Flut­ka­ta­stro­phe kam es im Kern­kraft­werk Fu­kus­hi­ma Dai­chi zu einer Ha­va­rie, bei der Ra­dio­ak­ti­vi­tät frei­ge­setzt wurde. To­des­op­fer und mensch­li­ches Leid sind je­doch na­he­zu aus­schließ­lich den Ver­wüs­tun­gen durch Erd­be­ben- und Flut­ka­ta­stro­phe ge­schul­det.

In­so­fern sind die Er­eig­nis­se in Fu­kus­hi­ma mit denen in Tscher­no­byl 1986 nicht ver­gleich­bar. Nach jener Atom­ka­ta­stro­phe in der Nach­bar­schaft, die auch Deutsch­land eine hohe Strah­len­be­las­tung brach­te, hielt es die da­ma­li­ge Bun­des­re­gie­rung nicht für nötig, einen grund­le­gen­den Kurs­wech­sel in der En­er­gie­po­li­tik zu voll­zie­hen.

Nach den Er­eig­nis­sen im fer­nen Fu­kus­hi­ma hin­ge­gen, deren ato­ma­ren As­pek­te vor allem in der deut­schen Öf­fent­lich­keit stark fo­kus­siert und von den deut­schen Me­di­en sehr stark in den Vor­der­grund ge­rückt wurde, un­ter­nahm die Bun­des­re­gie­rung eine Kehrt­wen­de um 180 Grad.

Aus einer Lauf­zeit­ver­län­ge­rung wurde prak­tisch im Hand­streich eine er­zwun­ge­ne so­for­ti­ge Ab­schal­tung von sie­ben bis dahin als ta­del­los ein­ge­schätz­ten Kraft­wer­ken. Dies ob­gleich sich an der Si­cher­heit deut­scher Kern­kraft­wer­ke ob­jek­tiv rein gar nichts ge­än­dert hatte.

Die­ser Schritt war mit den eu­ro­päi­schen Nach­barn nicht ab­ge­stimmt und führ­te dort zu Netz­in­sta­bi­li­tä­ten. Für Deutsch­land be­deu­te­te er den Im­port von Strom aus – unter Si­cher­heits­as­pek­ten den deut­schen nicht über­le­ge­nen – fran­zö­si­schen und tsche­chi­schen Kern­kraft­wer­ken.

Mit den aus der ja­pa­ni­schen Flut­ka­ta­stro­phe ge­zo­ge­nen dras­ti­schen Kon­se­quen­zen hat sich Deutsch­land en­er­gie­po­li­tisch in Eu­ro­pa ins Ab­seits be­ge­ben. Wäh­rend man in Polen, Tsche­chi­en und Finn­land neue Kern­kraft­wer­ke bauen lässt und in Eu­ro­pa über neue För­der­pro­gram­me für die­sen En­er­gie­trä­ger nach­denkt, ver­zich­tet man hier­zu­lan­de be­wusst auf die Kern­kraft.

Ein kurz zuvor noch als Mei­len­stein ge­fei­er­tes lang­fris­ti­ges Kon­zept wurde kur­zer­hand über den Hau­fen ge­wor­fen.

Diese Ent­schei­dung war of­fen­kun­dig nicht das Er­geb­nis eines län­ger­fris­ti­gen Denk- und Er­kennt­nis­pro­zes­ses, son­dern im we­sent­li­chen im­puls- und stim­mungs­ge­trie­ben. Man kann die­sen Schritt unter meh­re­ren Ge­sichts­punk­ten in Frage stel­len.

Wir tun dies be­wusst nicht.

Auch die Ak­zep­tanz die­ser nun ge­trof­fe­nen Grund­satz­ent­schei­dung ist – un­ab­hän­gig von der zwei­fel­haf­ten Art ihres Zu­stan­de­kom­mens – ein Gebot der Ver­nunft!

Die auf diese Grund­satz­ent­schei­dung hin ge­trof­fen wei­te­ren Maß­nah­men waren je­doch un­nö­tig hek­tisch, über­stürzt und daher teil­wei­se un­aus­ge­go­ren.

Die Kern­kraft war, zu­vor­derst auf­grund des un­ge­lös­ten End­la­ger­pro­blems, nie eine wirk­lich nach­hal­ti­ge Tech­no­lo­gie. Sie ist aber auch nicht so be­deu­tend für die deut­sche En­er­gie­ver­sor­gung, wie ge­mein­hin un­ter­stellt. Zur Strom­ver­sor­gung trägt sie rund ein Fünf­tel, zur En­er­gie­ver­sor­gung ins­ge­samt nur ein Zehn­tel bei.

Die Vor­stel­lung, dass man drin­gend han­deln müsse, wurde von den Lob­bies be­wusst ge­nährt. Panik wurde be­wusst ge­schürt. Dabei hätte man den Atom­aus­stiegs­be­ding­ten Pro­duk­ti­ons­aus­fall mit den vor­han­de­nen kon­ven­tio­nel­len Koh­le-, we­ni­gen neuen Gas­kraft­wer­ken und über­gangs­wei­se etwas aus­ge­wei­te­ten Im­por­ten pro­blem­los aus­glei­chen kön­nen. Es gab keine Ver­an­las­sung zu blin­dem Ak­tio­nis­mus.

Statt be­son­nen über die wei­te­ren Schrit­te nach­zu­den­ken, wur­den unter dem Stich­wort „En­er­gie­wen­de“ sie­ben um­fang­rei­che Ge­set­ze in einem Hau-Ruck-Ver­fah­ren durch die In­stan­zen ge­bracht und in Win­des­ei­le ver­ab­schie­det.

Nach dem Motto „Wind­kraft und Pho­to­vol­ta­ik müs­sen`s rich­ten“ wurde das bis­he­ri­ge EEG ei­ligst no­vel­liert. Auf den bei die­sen zwei­jähr­li­chen No­vel­len ei­gent­lich zwin­gend vor­ge­se­he­nen EEG-Er­fah­rungs­be­richt wurde kur­zer­hand ver­zich­tet. Statt, wie ei­gent­lich vor­ge­schrie­ben, im Lich­te der – sehr be­schei­de­nen – Er­fah­run­gen, wurde das EEG unter hohem Zeit­druck und prak­tisch ohne kri­ti­sche Prü­fung fort­ge­schrie­ben.

Die­ses Ge­setz, das die För­de­rung von Strom aus Er­neu­er­ba­ren En­er­gi­en in plan­wirt­schaft­li­cher Art und Weise unter Auf­wen­dung mas­si­ver ver­steck­ter Sub­ven­tio­nen re­gelt, ist im Zuge des öko­lo­gi­schen Um­baus der En­er­gie­ver­sor­gung je­doch nicht Teil der Lö­sung, son­dern Teil des Pro­blems.

Wind­kraft und Pho­to­vol­ta­ik kön­nen auf ab­seh­ba­re Zu­kunft kei­nen Er­satz für kon­ven­tio­nel­le En­er­gie­er­zeu­gung bie­ten.  Wind­kraft und Pho­to­vol­ta­ik sind bis­lang nur Schein­lö­sun­gen. So­lan­ge die Spei­che­rung ihrer Er­zeug­nis­se nicht phy­si­ka­lisch mög­lich und wirt­schaft­lich dar­stell­bar ist, kön­nen Wind­kraft und Pho­to­vol­ta­ik zu den en­er­gie­po­li­ti­schen Zie­len

  • Ver­sor­gungs­si­cher­heit
  • Um­welt­freund­lich­keit
  • Wirt­schaft­lich­keit

sehr wenig bei­tra­gen.

Es gibt ge­gen­wär­tig kei­nen öko­lo­gi­schen Strom!

Jede Form der En­er­gie­er­zeu­gung hat pro­ble­ma­ti­sche Um­welt­wir­kun­gen. Das Label „Öko­strom“ ist ein er­folg­rei­ches aber ir­re­füh­ren­des Mar­ke­ting­in­stru­ment.

Die ge­gen­wär­ti­ge För­de­rung der Strom­er­zeu­gung aus Er­neu­er­ba­ren En­er­gi­en trägt nicht nur fast nichts zum Er­rei­chen der en­er­gie­po­li­ti­schen Ziele bei – sie ge­fähr­det diese Ziele sogar. Denn sie ab­sor­biert volks­wirt­schaft­li­che Res­sour­cen, die an an­de­rer Stel­le drin­gend be­nö­tigt wer­den – in der Grund­la­gen­for­schung.

Die För­de­rung nicht trag­fä­hi­ger tech­no­lo­gi­scher Schein­lö­sun­gen durch das EEG ent­zieht der deut­schen Volks­wirt­schaft im­men­se Res­sour­cen. Durch die auf 20 Jahre fest­ge­schrie­be­nen Ver­gü­tungs­sät­ze sind be­reits jetzt – selbst wenn keine wei­te­re An­la­ge mehr in Be­trieb ge­nom­men würde – nach kon­ser­va­ti­ver Schät­zung Res­sour­cen in Höhe von 150­Mil­li­ar­den Euro ge­bun­den.  Im letz­ten Jahr be­trug die EEG-Um­la­ge 13 Mil­li­ar­den Euro,  2012 wird sie auf über 14 Mil­li­ar­den stei­gen.

Dies über­steigt den ge­sam­ten Haus­halt des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Bil­dung und For­schung!

Im Zuge des ad acta ge­leg­ten En­er­gie­kon­zepts aus dem Jahr 2010 hat die Bun­des­re­gie­rung ein neues En­er­gie­for­schungs­pro­gramm auf­ge­legt. Die­ses för­dert For­schungs­pro­jek­te, die sich neuen For­men der En­er­gie­er­zeu­gung und -spei­che­rung wid­men. Im Ge­gen­satz zum tech­no­lo­gie­spe­zi­fi­schen EEG ist die­ses Pro­gramm techo­lo­gie­neu­tral an­ge­legt. Es über­lasst die Suche nach Lö­sun­gen also den Per­so­nen, die sich damit aus­ken­nen und das Ri­si­ko tra­gen – fin­di­gen Wis­sen­schaft­lern und tat­kräf­ti­gen Un­ter­neh­mern. Im Prin­zip ein höchst ver­nünf­ti­ger An­satz.

Von sol­chen tech­no­lo­gie­neu­tra­len For­schungs­pro­jek­ten sind mit­tel- bis lang­fris­tig die ent­schei­den­den In­no­va­tio­nen und tech­no­lo­gi­schen Durch­brü­che für eine wirk­lich si­che­re, um­welt­freund­li­che und be­zahl­ba­re En­er­gie­ver­sor­gung zu er­war­ten.

Das En­er­gie­for­schungs­pro­gramm ist in­so­fern ein ech­ter Mei­len­stein.

Im Ver­gleich zur un­sin­ni­gen EEG-För­de­rung ist es je­doch eher ein Kie­sel­stein. Denn für das En­er­gie­for­schungs­pro­gramm also die Suche nach in­no­va­ti­ven und trag­fä­hi­gen Lö­sun­gen, sind in 2012 ge­ra­de mal 754.377 € vor­ge­se­hen – rund ein Zwan­zigs­tel des Be­trags, mit dem der Be­trieb eta­blier­ter Schein­lö­sun­gen sub­ven­tio­niert wird.

Die Kraft der Ver­nunft legt nahe,

  • die Kern­kraft­ent­schei­dung in Deutsch­land nicht in Frage zu stel­len, je­doch Eile und Hek­tik in der En­er­gie­po­li­tik hin­fort zu ver­mei­den;
  • beim öko­lo­gi­schen Umbau der En­er­gie­ver­sor­gung deut­sche Son­der­we­ge und In­sel­lö­sun­gen zu ver­mei­den, eine bes­se­re Ab­stim­mung mit den eu­ro­päi­schen Nach­barn zu su­chen und die Her­ku­les­auf­ga­be ge­mein­sam an­zu­ge­hen;
  • in die­sem Sinne den eu­ro­päi­schen En­er­gie­bin­nen­markt vor­an­zu­brin­gen,
  • die För­de­rung Er­neu­er­ba­rer En­er­gi­en markt­kon­form und tech­no­lo­gie­neu­tral zu har­mo­ni­sie­ren,
  • die Mit­tel für die Grund­la­gen­for­schung auf­zu­sto­cken und eu­ro­pa­weit die Kräf­te zu bün­deln.